Der Turm

Zwischen 1440/48 und 1453  bauten die Andernacher Bürger einen großen Wehrturm als Teil der Stadtbefestigung. Der "Runde Turm" ist auch heute noch eines der Wahrzeichen der Stadt.

Als Nicole Anker von "Anker Buch" Ende 2010 zusammen mit der Schreib-AG des Kurfürst-Salentin-Gymnasiums einen Kalender herausbringen wollte, fehlten ihr noch zwei Texte. Sie bat Ralf Kramp und mich etwas zu schreiben, das zu einem der Fotos des Kalenders passen sollte. Die nachfolgende Kurzgeschichte wurde dann im Kalender "Der Geist von Andernach" veröffentlicht.
(So, Bruderherz, und jetzt steht sie auch im Web...)

 

Der Turm

"Unschuldig? Echt, das ist hammer...!"
Der ältere der beiden Jungen lehnte sich zufrieden zurück. Er genoss die Bewunderung des anderen.
"Die haben hier im Runden Turm die dunkle Kammer. Ich sag dir, voll übel: schlammig, mit Ratten und keine Chance da rauszukommen. Da drin haben sie den Mertens Jupp fast verfaulen lassen. Natürlich nur fast, denn dann wurde er mit Brandeisen gefoltert und unten an der Nette aufgehängt."
Der Jüngere schaute verstohlen zum Turm hoch. Sie saßen auf den Steinstufen, die zum Turm hinaufführten. Es wurde dunkel, eigentlich mussten sie nach Hause.
"Und alles nur, weil sie seinen Hof und sein Geld wollten." Die tiefe Stimme hinter ihnen ließ die beiden Jungen zusammenzucken. "Verzeiht, ich wollte euch nicht erschrecken. Ich hatte von drinnen nur eure Stimmen gehört." Der Mann setzte sich auch auf eine Stufe.
"Was meinen Sie damit, die wollten seinen Hof?", fragte der Jüngere neugierig.
"Na ja", der Fremde seufzte,"damals war es leicht, einen Unschuldigen vor die Richter zu zerren. Mertens Jupp soll seine Ankläger verflucht haben, erzählt man sich. Die Erstgeborenen jeder Generation wolle er sich holen, hat er geschrien, bevor der Henker ihm die Schlinge um den Hals legte. Aber das ist mehr als 400 Jahre her. Wollt ihr mit in den Turm, die dunkle Kammer sehen?"
Der Jüngere wollte gerade den Kopf schütteln. Aber sein Freund war schneller. "Krass, die dunkle Kammer? Wie geil ist das denn?" Er sprang auf und sein Freund folgte ihm widerwillig die Stufen hinauf.
"Mein Opa hat mir erzählt, dass aus unseren Familien damals auch Richter kamen. Zum Glück ist das alles längst vorbei, sagt mein Opa."
"Das hab ich mir schon gedacht", murmelte der Fremde, öffnete die Turmtür und ließ die Jungen an sich vorbei eintreten. Als er zum Türriegel griff, verrutschte sein Hemd. Im Abendlicht schimmerte ein wulstige Brandnarbe auf seinem Unterarm.
"Dein Großvater irrt", murmelte er leise, "vorbei wird es niemals sein!"
Und mit einem dumpfen Schlag schloss er die Tür hinter sich. 

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